100 Kilometer über den Baltorogletscher trekken, unsere Komfortzone mit einem Basecamp tauschen, unser Exped-Zelt in einer der entlegensten Gegenden dieser Erde aufschlagen, in extremer Höhe klettern – und schließlich von 8000 Meter auf die tieferliegenden Wolken und die Welt blicken (und im glücklichsten Glücksfall hinunterzufliegen): Das war unser Traum.

Der Traum von Marlies und Andi, zwei abenteuerverliebten Seil- und Lebenspartnern aus Oberösterreich. Untermalt mit superschönen Bildern erzählen hier Marlies und Andi quirlig, amüsant, spannend und in Fragmenten ihre Geschichte.

Die Wirklichkeit kam ganz anders in diesem „Jahrhundert-Sommer“. Also Jahrhundert-Sommer in den Alpen. Im Karakorum hat das Wetter lieber verrückt gespielt.

Kurz von vorne: Der Gasherbrum II (8034 Meter) sollte unser erster 8000er werden, ohne zusätzlichen Sauerstoff, ohne Hochträger, dafür mit unserem Gleitschirm. Fasziniert hat uns am GII vor allem seine Gipfelpyramide: wie aus dem Bilderbuch. Bis zur Spitze hat’s leider nicht gereicht. Vier von sechs Wochen Schneefall und extrem hohe Lawinengefahr haben unseren Plan durchkreuzt. Höher als 7400 Meter kamen wir nicht hinaus. 

Der Gleitschirm wurde nur einmal beim Abflug vom Gondogoro La (5600 m) gelüftet. Doch immerhin war es bis dorthin ein Abenteuer fernab von Fixseilen: Keine große Expedition spurte sich heuer überraschenderweise einen Weg auf diesen vermeintlich „einfachen“ Achttausender. Bis zu unserer Akklimatisierungsrunde zum Lager IV waren wir guter Dinge – nur eines war folglich nie wieder gut: das Wetter.

Nach dieser Expedition waren wir nur um wenige Kilos leichter, dafür um 8000 Erfahrungen reicher. Was hätten wir nicht besser alles vorher schon gewusst... Wir geben allen zukünftigen EXPEDitionisten einen ungeschönten Einblick auf unsere Höhen und Tiefen.

Zelt ORION II EXTREME

Trotz unseres Fauxpas, die Zeltstangen in eine Gletscherspalte zu schmeißen, hielt das Zelt von Exped allen Witterungen (und Erwartungen) stand mit unseren Reserve-Stangen (die wir einfach einem anderen Basislager-Zelt entnommen hatten). Vor allem die seitlichen Öffnungen waren bei den extrem hohen (!) Temperaturen gold wert, um nicht zu verglühen. Mit der Frischluft blieb es angenehm. Hohe Temperaturen? Bei geschlossenen „Türen“ – selbst auf 6000 Metern noch – katapultierten sich die Temperaturen schnell einmal auf mehr als 40 Grad Plus – nicht auszuhalten in anderen Zelten. Dazu ist es leicht zu tragen, leicht aufzubauen – wir freuen uns schon auf weitere Ausflüge in den Alpen!

Kuschelige Kombi: Diese leichte Kombination hat in der Höhe bestens funktioniert: Die aufblasbare DOWNMAT UL WINTER von Exped mit dem dünnen Exped WINTERLITE-Schlafsack. Die Daunenbekleidung trugen wir ohnehin am Körper, da konnten wir rundherum Gewicht und Federn sparen. Ganz ohne zu frieren.

Hochrisiko: Höhere Berge, höheres Risiko – nicht nur wegen der dünnen Luft und ihren gravierenden Folgen. Die 8000er stehen in abgelegenen Gegenden, die nicht dafür gemacht worden sind, um von Menschen betreten zu werden. Alleine das Risiko, den GII aus der Nähe zu sehen, ist ein großes: Spaltenstürze am extrem zerklüfteten Southern Gasherbrum Glacier waren kein Einzelfall. Uns streifte im Zustieg eine Lawine – da hatten wir Glück.

Militär-Omnipräsenz: Army-Stützpunkte findet man selbst im letzten Winkel des Karakorums (bzw. sie finden dich). Dazu kommt ein Verbindungsoffizier, der uns begleiten muss – und dessen Aufgabe mehr als überschaubar ist: aufpassen, damit wir nicht auf einen falschen Berg klettern, für den wir kein Permit bezahlt hätten. Die Präsenz der pakistanischen Armee war uns viel zu viel. Ebenso ihre “Liebe” zur Sauberkeit: Ihre Iglu-Bastionen waren stets umgeben von ungeheuerlichen Müllbergen und hunderten leeren Benzinkanistern (und ja, damit ist deren Entsorgung abgeschlossen).

Telefonitis: Unser Thuraya-Satellitentelefon, ein mit dem Smartphone koppelbares SatSleeve, hätten wir nicht nur einmal fast bis nach Indien geschossen. Das Internet war schneckenlangsam, sauteuer und unzuverlässiger als der Wetterbericht für die überübernächste Woche. E-Mails mit lediglich 500 KB kosteten nicht selten 30 US-Dollar – und gingen dann erst nicht raus ins wwweb. Neuer Versuch, neu lief der Zähler. Mehr als 500 Dollar Gesprächsguthaben flatterten somit in den Wind. Eine Nervenprobe.

So ein Mist: Einfach unfassbar, welcher Saustall auch von Expeditionen hinterlassen wird. Sind Bergsteiger nicht naturverbundene Menschen? Kanister, Dosen, Plastikverpackungen, Zelte – es gibt nichts, was das ewige Eis nicht freigibt. Da hilft es offenbar leider auch nichts, dass man mittlerweile eine Müllgebühr bezahlt, damit der Abfall wieder rauskommt aus den Bergen. Zu viel bleibt noch immer liegen – oder wird einfach verbrannt.

Verpflegung: Wieso wollten wir eigentlich mit 40 Kilogramm Freigepäck pro Nase auskommen…? Mindestens eine Tonne (und nicht nur ein Sackerl) hätten wir auffüllen sollen mit Gutem von Zuhause – Schokolade, Chips, Brot, Speck, Säften, Tees, einer italienischen Espressomaschine und was unser Herz sonst noch begehrt. Vor allem Grün- und Schwarztees werden wir frühestens 2021 wieder anrühren.

Zeittotschlagen: Nur nicht daran denken, welcher Berg voll Arbeit zuhause eigentlich wartet … Hier biegt man an Schlechtwettertagen (und davon hatten wir leider sehr viele) stundenweise herum, ohne einen Sinn darin zu finden. Als Lesestoff nur einen Coelho und ein Bergmagazin aus Gewichtssparmaßnahmen einzupacken, das war die nächste Schnapsidee. Warum war das EBook-Zeitalter bisher spurlos an uns vorbei gezogen?

Essen „to go“: Tiere, die man vorher streichelt und lieb gewinnt, will man dann nicht geschlachtet und auf dem Teller sehen. Unsere Ziege „Goatfried” ging selber die 100 Kilometer ins Basislager, um dort sogleich (nach streng islamischer Art) geschlachtet und im ewigen Eis zwischengelagert zu werden. Darauf hätten wir gerne verzichtet.

Wasserqualität: Es ist ein Höhepunkt zurück zuhause: Den Wasserhahn aufdrehen. Ein Glas unterhalten. Klares, partikelfreies Wasser genießen. In höchster Trinkqualität. Unser Körper hatte genug vom abgekochten Gletscherwasser. Der Stuhlgang zeigte über mehrere Wochen, dass ihm die Wasserqualität in der Gletscherwelt nicht so behagte. Und wie herrlich war erst dieses Gefühl, Wasser aus einem Duschkopf über unsere Körper ergießen zu lassen!? Zuhause so selbstverständlich, im tiefen Karakorum eine Unmöglichkeit.

Benzinkochergeschmack: Natürlich sind die Voraussetzungen schwierig, 5000 Meter über dem Meer groß aufzukochen. Nach acht Wochen mit vitaminarmem Gletscher-Gekochten, das immer wieder nach Benzinkocher schmeckte, war es eine Freude, aus einer normalen Küche zu essen. Magenprobleme begleiteten uns selbst aus Islamabad mit nach Hause. Frisches Obst und Gemüse (und ein Glaserl Wein und Bier :-)) waren noch wochenlang die Highlights in unseren eigenen vier Wänden.

Wetterlotterie: „Das Wetter ist wie ein Kartenspiel – du musst mit den Karten spielen, die du bekommst”, sagte Höhenbergsteiger-Profi Adam Bielecki. Dass wir die ersten drei Wochen nur Bummerl und Nieten kassierten, war also Pech. Von sechs Wochen im Basecamp vier Wochen Schneefall, das würde man aber nicht einmal seinen Gegnern austeilen. Akklimatisieren bis 7400m war noch drin, für den nächsten Zug in die Höhe reichten unsere Karten leider nicht.

Zweier-Team: Als “isolierte Zelle” und kleines Zweier-Team seinen Standort im Basislager zu haben, das haben wir genossen. Nicht nur, weil sich der Koch und sein Helfer alleine um uns kümmerten (und wir jedes am Berg verlorene Kilo gleich wieder hinauffutterten ;-)). Die Nervosität, Unruhe und Hektik größerer Expeditionen konnte sich mit etwas Abstand nicht so sehr auf uns übertragen.

Manpower und PS: Die Porter verlieren nur selten ihr Lächeln von den Lippen, obwohl sie zwischen 20 und 25 Kilogramm auf ihrem Rücken tragen – über täglich 20 und mehr Kilometer in einfachstem Schuhwerk. Ein Knochenjob für nur 1500 Rupies pro Tag (umgerechnet etwa 11,50 Dollar), ohne den Expeditionen nicht möglich wären. Besonders clevere Geschäftsleute sind die Führer von Mulis: Ihr Esel-Pferd-Geschöpf darf viermal so viel aufladen – dafür gibt’s auch vierfache Kohle.

Offline-Sein: Zwei Monate lang kein Internet – bis auf die stockende Einbahnstraße über unser Satellitentelefon zu unserem Blog, um ihn wöchentlich mit einer Geschichte zu füttern. Ein gutes Gefühl, nicht immer „up to date” sein zu müssen und permanent vor einem viereckigen virtuellen Kastl zu hängen.

Wild und weit weg: Noch nie haben wir so viele spannende Berge in Form von Zacken, Türmen und gigantischen Linien aus Fels und Eis auf so engem Raum gesehen. Dazwischen Gletscher, die zerrissener nicht sein könnten. Das Karakorum ist das bisher wildeste Gebirge, das wir mit eigenen Augen gesehen haben. Die absolute Abgeschiedenheit verleiht ihm die besondere Würze.

Chapati: Was den Franzosen ihre Crepes und uns Österreichern die Palatschinken sind den Pakistani die Chapati: Und die gibt’s sogar öfter zu einer Mahlzeit serviert als Besteck. Der liebste Sattmacher der Pakistani darf bei keinem Gericht fehlen – und dient obendrein als Ersatz für Messer, Löffel und Gabel. Mehl, Wasser, Salz, ein geschicktes Händchen und eine Feuerstelle – mehr brauchen die hauchdünnen Fladen nicht.

Expeditions-Erlebnis: Es war das bisher größte Bergziel, das wir uns gesteckt (und wofür wir spezifisch trainiert) haben. Auch wenn es mit dem krönenden Gipfel nichts geworden ist und immens viel Zeit und Kosten hineingeflossen sind, möchten wir dieses Erlebnis nicht missen. Wir sind froh und dankbar für all die Einblicke in die extrem hohe Bergwelt – und freuen uns jetzt umso mehr, wenn wir zurück in den Alpen einfach auf unseren Hausberg steigen oder klettern und wieder herunterfliegen dürfen ...

Mehr Bild-& Berggeschichten von Marlies und Andi: www.hochzwei.media