Happy End: Die zwei Freunde Simon und Roger nach Besteigung der Grandes Jorasses, der sechsten klassischen Nordwand der Alpen. Roger macht das letzte North6-Gipfelbild in voller Sonne. Anschliessend machen die Zwei sich an den Abstieg. Foto: Roger Schäli

Exped-Freund und Markenbotschafter Roger Schäli hat mit seinem North6-Projekt wieder einmal eine spektakuläre Leistung vollbracht, gemeinsam mit dem Tiroler-Alpinisten Simon Gietl! Roger dazu: "Für mich war dies wohl mein schönstes Bergsteigererlebnis"!

Sechs Klassiker 

Das Projekt North6 verbindet die sechs klassischen Nordwände der Alpen: Grosse Zinne, Piz Badile, Eiger, Matterhorn, Petit Dru und Grand Jorasses. 6 Gipfel, 3 Länder. 30'770 Höhenmeter im Aufstieg und 29'470 Höhenmeter im Abstieg. Bergsteigen, Klettern, Gleitschirmfliegen, Radfahren - je nach Anforderung und Beschaffenheit von Berg, Wand und Route waren Simon und Roger unterwegs. Die rund 1'000 Kilometer zwischen den ausgewählten Nordwänden verbrachte das Team im Sattel eines Rennrads. Der gesamte Projektzeitraum erstreckte sich über 18 Tage. Die konkrete Challenge meisterten Roger und Simon in 14 Tagen. Die verbleibenden 4 Tage waren einem Ruhetag und Schlechtwettertagen mit Regen und Schnee geschuldet.

Die instabile Wettersituation war auch ausschlaggebend für den Entscheid, das Projekt vom Frühjahr auf den Spätsommer zu verschieben. "Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um einen Schritt vorwärts zu kommen", wird Simon Gietl in der Medienmitteilung zutiert. Und das warten hat sich gelohnt! Am 13. September ging es dann endlich los.  

 

Erstes Ziel: Die Grosse Zinne 

Aufgrund der Wettervorhersagen starteten Roger und Simon das Projekt North6 in umgekehrter Reihenfolge. So stiegen die beiden Freunde am frühen Montagmorgen zum Wandfuss der Grossen Zinne in den Dolomiten auf. Im Stirnlampenlicht rüstet sich das eingespielte Team für den Einstieg in die Route Comici. 

Die Drei Zinnen. Foto: Christoph Muster

Bereits um 8 Uhr morgens erreichen die beiden Freunde den Gipfel der Grossen Zinne (2'999 m). Für Roger ein ganz spezieller Moment. "Es ist wie ein Flashback, denn hier haben wir gemeinsam begonnen zu klettern". Auf die erste Nordwand folgt eine erste Strecke auf dem Rennrad: 162 Kilometer, 700 Höhenmeter bergauf und 2'710 Meter bergab.

Roger Schäli und Simon Gietl verbinden die sechs klassischen Nordwände der Alpen miteinander – Bergsteigen, Klettern, Abseilen, Paragleiten, Skifahren und Rennradfahren stehen auf dem North6-Plan. Foto: Christoph Muster

In drei Stunden auf den Piz Badile 

Auf die Grosse Zinne folgt der 3'308 Meter hohe Piz Badile. Am frühen Morgen geht es von der Schutzhütte Capanna Sasc Furä (1'904 m) zum Einstieg des Nordwand-Klassikers "Cassin". Die eingespielte Seilschaft Schäli und Gietl erledigt letzte Vorbereitungen im ersten Morgenlicht.

Letzte Vorbereitungen im ersten Morgenlicht – die Alpinisten Simon Gietl und Roger Schäli frühmorgens am Einstieg des Nordwand-Klassiker "Cassin", Nordwand des Piz Badile. Foto: Romano Salis

Wenig später steigen sie in die Route ein. Roger führt das Team am Piz Badile an. Nach nur drei Stunden Kletterzeit erreichen die Zwei den Gipfel, wo sie kurz den Moment genießen und sich dann rasch an den Abstieg über den Badile-Nordgrat machen.

Los geht´s – Roger Schäli und Simon Gietl steigen in die Nordwand des Piz Badile ein. Roger führt die Tour am Badile (3'308 m) an (Bild rechts). Fotos: Romano Salis

Am Ende des Badiler-Nordgrats angekommen, entscheiden sich Roger und Simon für einen gemütlicheren Weg nach unten und zwar mit dem Gleitschirm. "Nun konnten wir ab Ende des Nordgrats auch noch fliegen. Es war fantastisch", freut sich Simon nach der Landung bevor sich das Team wieder auf die Rennräder schwingt. 

Heimspiel für Roger Schäli

In der Schweiz angekommen, wartet auf Roger Schäli ein alter Bekannter – der Eiger. Mehr als 50 Mal konnte der Allround-Alpinist diese Nordwand schon besteigen, ein Heimspiel also.  

Der Eiger (3'967 m), die dritte klassische Nordwand des North6-Projekts von Roger Schäli und Simon Gietl. Foto: Christoph Muster

Nach einer kurzen Ruhepause in Grindelwald schwingen sich Roger und Simon erneut in den Rennradsattel in Richtung kleine Scheidegg. Der Plan: Am Abend noch die erste Seillänge am Eiger zu klettern und ein Biwak einzurichten, um früh morgens in die Route "Chant Du Cygne" einzusteigen. Und der Plan geht auf: Gegen 5 Uhr morgens klettert Simon im Stirnlampenlicht voran. Einige Stunden später, gegen 14 Uhr, steigen sie über den Westgrat zum Gipfel des Eiger auf. Dort oben, auf 3'967 Metern Höhe ist Zeit für ein Gipfelbild. Runter vom Berg geht es über die Westflanke. Auf Höhe des "Mushrooms" packen die Piloten ihre Gleitschirme aus. Der Profi-Paragleiter Lucien Caviezel erteilt letzte Anweisungen und checkt nochmals das Wetter. Dann wird die verbleibende Strecke per Luftweg absolviert. Danach heisst es allerdings wieder: ab auf die Rennräder, denn es folgre eine lange Radetappe über den 2'164 Meter hohe Grimselpass nach Zermatt. 

Ein Klassiker wartet

Bei weitesgehend trockenen Verhältnissen gelingt auch diese lange Etappe ohne Zwischenfälle. Als das North6 Team am Fusse des Matterhorn eintrifft, kündigt sich allerdings für den Folgetag Regen und Schneefall an. Daher entscheidet sich die Crew für einen Pausentag aufgrund des schlechten Wetters. Sie planen, die Schlechtwetterfront abzuwarten und am darauffolgenden Tag zur Hörnlihütte aufzusteigen, um einen Tag später, früh am Morgen, in die Nordwand des Matterhorn einzusteigen.

Die Nordwand des Matterhorn rückt näher und mit ihr die vierte klassische Nordwand der Alpen, die Roger Schäli und Simon Gietl in Folge besteigen möchten. Gut zu sehen: Der Hörnligrat. Foto: Frank Kretschmann

So folgt auf den unfreiwilligen Ruhetag ein Zustieg zur Hörnlihütte bei Nebel und Regen. Das trübe Wetter lässt Roger und Simon kalt. Gut gelaunt und mit Vorfreude auf die Besteigung des Matterhorn treffen die Zwei gegen 18 Uhr in der Schutzhütte, die auf den Ausläufern des NO-Grats (Hörnligrat) gebaut ist, ein. 

Beste Laune trotz Regen und Nebel: Roger Schäli und Simon Gietl beim Zustieg zur Hörnlihütte (3.260 m), die am Fuße des Matterhorn Bergsteigern Schutz bietet. Foto: Nicolas Altmaier

Nach einer erholsamen Nacht gelingt der Einstieg in die Nordwand wie geplant gegen 6 Uhr. Roger Schäli und Simon Gietl wechseln sich mit dem Vorstieg ab. Die Schmid-Route ist mit viel Neuschnee überdeckt, so dass der Routenverlauf beschwerlicher ist als erwartet. Trotz der widrigen Bedingungen erreichen die beiden Freunde am frühen Abend um 18 Uhr den Gipfel des Matterhorn.

Start am frühen Morgen gegen 6 Uhr: Roger Schäli steigt in die Schmid-Route der Matterhorn-Nordwand ein. Foto: Simon Gietl

Zu diesem Zeitpunkt steht den beiden noch der Abstieg über den Hörnligrat bevor. Dieser nimmt viel Zeit in Anspruch und fordert die beiden Athleten nochmals intensiv. Erst gegen 2 Uhr nachts erreicht das Team hungrig, müde aber glücklich ihr Basecamp am Campingplatz in Täsch. Nach einer kurzen Nacht, steht ein Länderwechsel bevor. Zudem sind erneut zwei Tage mit Regenfällen angekündigt. Daher schwingen sich die Alpinisten erneut in die Rennradsättel, um die Strecke nach Chamonix möglichst rasch und noch bei trockenen Verhältnissen zu überwinden: 140 Kilometer und 4.460 Höhenmeter stehen den Beiden bevor.

Auf den Regen folgt die Sonne

Der bereits erwähnte Wetterbericht soll Recht behalten: In Chamonix angekommen, gilt es, geduldig zu sein, denn viel Regen und Schnee ab 2'000 Metern hüllt die alpine Region am Fusse des Mont Blanc ein. Doch ein Schönwetterfenster kündigt sich an. Diese will das North6-Team nutzen. Bis zum Start Richtung Wandfuss der Petit Dru macht sich die Seilschaft akribisch an die Vorbereitungen, denn beide wissen, dass in der Nordwand alles perfekt funktionieren muss. 

 

Der Schweizer Alpinist Roger Schäli weiß, wie wichtig die Vorbereitung ist. Er prüft seinen Eispickel im Detail. In der Nordwand der Petit Dru muss das Eisgerät perfekt funktionieren. Foto: John Thornton

Der Wecker klingelt wieder früh um 3 Uhr morgens. Simon und Roger klettern aus dem Zelt am Wandfuss und wählen das Nord-Colouir für den Aufstieg. 17 Stunden später stehen die beiden Freunde auf dem Gipfel. Bei zunehmender Dunkelheit seilt sich das eingespielte Team 800 Meter die Südwand hinab, um erschöpft, aber höchst zufrieden, morgens um 1:30 Uhr in der Schutzhütte Refuge de la Charpoua (2.841 m) einzukehren. 

Roger Schäli in einer der Schlüsselstellen. Foto: John Thornton

"Wir haben lange gebraucht. Logischerweise", spricht Roger Schäli kurz nach dem Eintreffen in der Hütte ins Handy. "Die ersten Seillängen waren wirklich zäh. Zum Glück war Simon bei Nacht und Nebel richtig motiviert, trotz Spindrift (=aufwirbelnder, feinkörniger Schnee) bereits zu Beginn. Wir mussten einige Male stoppen und ein paar Minuten warten, damit der Schnee vorbei zischen konnte." Im steilen Gelände sei es dann besser geworden, allerdings sehr winterlich. "Es waren schwierige Verhältnisse in der Dru. Das Eis ging aber gut. Ebenso das Abseilen durch die Südwand." 

Auf der Zielgeraden

Am nächsten Tag macht sich das Team bereits auf den Weg zur letzten Nordwand – dem 4'208 Meter hohen Grand Jorasses. Und dieser lockte mit besten Bedingungen. Auch dieses Schönwetterfenster galt es zu nutzen, denn erneut kündigte sich Regen an. Bei Sonnenschein und guter Thermik zogen die Gleitschirm-Piloten Roger und Simon ihre Paragleiter auf und starteten in der Nähe der Charpoua Hütte in Richtung Mer de Glace. Nach einem aussichtsreichen Flug mit Blick auf die letzte klassische Nordwand, ihr finales Ziel Grand Jorasses, landeten die zwei Bergsteiger sicher am Fusse des größten französischen Gletschers und konnten zügig zur Schutzhütte Refuge de Leschaux (2.431 m) zusteigen.

Das letzte Ziel von Roger und Simon, die Nordwand der Grandes Jorasses, befindet sich in der Bildmitte. Mittig im unteren Bildbereich findet sich die Schutzhütte Refuge de Leschaux (2.431 m). Zwischen Hütte und Nordwand erstreckt sich das Mer de Glace, der größte Gletscher Frankreichs und gleichzeitig der viertgrößte der Alpen. Foto: Nicolas Altmaier

Dort angekommen, machte das eingespielte Team letzte Vorbereitungen für die Besteigung am Folgetag und schonte die Kräfte für die intensive Tour durch die Nordwand des Viertausenders im Mont Blanc Massiv. 

Wie immer bei bester Laune – Roger Schäli und Simon Gietl nach einer kurzen Nacht in der Berghütte Refuge de la Charpoua (2.841 m). Die Zwei sind kurz vor dem Aufbruch zur 6. klassischen Nordwand ihres Projekts NORTH6. Foto: John Thornton

Bei erstem Tageslicht standen Roger und Simon am Bergschrund. Die ersten Meter der Route "Direktes Leichentuch", bei der rund 1'100 Höhenmeter zu bewältigen sind, seien gefühlt die schwierigsten gewesen, erinnert sich das Team nach erfolgreicher Unternehmung. Die Route wählten sie, um möglichst schnell voranzukommen und gegen 15 Uhr den Gipfel zu erreichen. 

Der sechste Gipfel des Projekts NORTH6, Grandes Jorasses (4.208 m), von Simon Gietl und Roger Schäli gelingt bei besten Wetterbedingungen. Foto: John Thornton

Nach diesem Erfolg und den intensiven Tagen sind die beiden Alpinisten erschöpft und glücklich. "Für mich war dies wohl mein schönstes Bergsteigererlebnis. Es ist selten, dass man einen Gifpfelerfolg mit so vielen engen Freunden teilen darf", sagt Roger Schäli. "Simon, die gesamte North6 Crew, alle haben sich so gefreut und sich ins Zeug elegt, damit Simon und ich es schaffen. Diese positive Energie war wirklich einzigartig und überall zu spüren."

Auch Simon Gietl hat nur positive Worte. Er hätte sich mit keinem anderen Seilpartner die Realisierung von North6 vorstellen können. Auch für ihn war das Projekt ein einzigartiges Erlebnis. "Es war fantastisch, diese 18 Tage, die das umfangreiche Projekt ausgefüllt haben, mit Roger verbringen zu dürfen", sagt Simon kurz nach Projektende in einer Sprachnachricht. "Es ist für mich eine Ehre, mit Roger Schäli ein Team zu bilden, um Träume zu realisieren". 

Wir gratulieren Roger Schäli und Simon Gietl ganz herzlich zu diesem Erfolg!