Roger Schäli zu Besuch im Exped Hauptsitz in Zürich. 

Sechs spektakuläre Nordwände, drei Länder und ganz viel Pasta – das Projekt North6 wird Roger Schäli und Simon Gietl sicherlich lange in Erinnerung bleiben. Zwei Wochen nach dem letzten Gipfelsturm sprach Roger mit uns unter anderem über Herausforderungen, Höhepunkte und seine Freundschaft mit Simon. 

Das Interview

Wie hast du dich gefühlt, als du den letzten Gipfel erreicht hast?

Es war wirklich ein sehr spezielles Gipfelerlebnis. Ich glaube, es war sogar emotionaler als sonst. Ich hatte das erste Mal Tränen in den Augen. Ich glaube, das war vor allem deswegen, weil wir uns so lange darauf vorbereitet haben und auch so ein grosses Team dahinter stand. Irgendwann waren wir an dem Punkt, an dem wir dieses Projekt unglaublich gerne fürs Team erfolgreich beenden wollten. Unsere wichtigsten Personen waren alle vor Ort in Chamonix. Es war also eine Art Geschenk an das Team. Es war einfach ein unglaubliches Gefühl für uns, dass wir das Projekt beenden konnten, während noch alle vor Ort waren und diesen speziellen Moment fast 1 zu 1 miterleben konnten. Für mich war der Grand Jorasses eigentlich der emotionalste Gipfelmoment.

Du hast die die intensive Vorbereitung angesprochen, wie lange dauert die Planung für ein solches Projekt?

Im Kopf exisitiert das Projekt schon seit vier bis fünf Jahren. Mit Simon habe ich vor etwa zweieinhalb Jahren angefangen darüber zu reden. Seit einem guten Jahr telefonierten wir ständig zusammen sowie auch mit Partnern und Sponsoren. Wir wollten eigentlich schon letzten Winter oder Frühling starten. Das hat aber das Wetter nicht zugelassen.

Und dann musste es jetzt im Herbst schnell gehen?

Ja, wir haben uns die Wettervorhersagen angeschaut und dann ging es plötzlich sehr schnell. Das ganze Team war auch sehr überrumpelt und natürlich noch total verteilt [lacht]. Aber zum Start standen dann alle pünktlich um 5:30 Uhr auf dem Parkplatz in den Dolomiten.

Wie kam die „Seilschaft“ mit Simon zustande?

Simon ist mein bester Kletterpartner. Wir haben uns vor etwa 15 Jahren kennengelernt. Die erste gemeinsame Tour war dann die Zinnen-Nordwand im Winter. Simon ist mehr als nur ein Kletterpartner, er ist eigentlich fast schon ein Teil meiner Familie geworden. Diese Verbindung zwischen uns ist einfach genial. Es ist immer super, mit ihm unterwegs zu sein. Auch wenn es mal stressig wird, ist Simon um keinen Spruch verlegen. Man kann fast schon sagen, dass wir uns ohne Worte verstehen. Simon ist Südtiroler und ich verstehe ihn eigentlich sehr gut, aber er versteht mein Schweizerdeutsch sehr schlecht [lacht]. Worte brauchen wir aber eigentlich nicht. Diese Verbindung ist für mich einzigartig.

Neben Simon waren ja noch andere Personen mit dabei. Wie war euer Team aufgestellt?

Unser Hauptpartner für dieses Projekt war mein Freund und Kollege Frank Kretschmann. Er hatte den Lead in Bezug auf die Organisation und die filmische Umsetzung. Das Film- und Fototeam bestand während dieser 18 Tage immer aus drei bis vier Personen. Dann waren auch ein Masseur und ein Koch mit dabei. Ebenfalls haben uns viele Kollegen und Freunde etappenweise mit dem Rennvelo belgeitet, damit wir auch mal im Windschatten fahren konnten. Dieses Team war plus minus zehn Personen gross.

Gibt es also einen Film zum Projekt North6?

Ja, wir haben sehr viel Material. Eine Überlegung wäre es, daraus einen Festivalfilm zu produzieren. Da gibt es auch schon Anfragen. Es gibt aber auch schon Anfragen von einem Fernsehsender. Wir müssen jetzt halt schauen, welches die beste Möglichkeit ist, dieses Material zu nutzen.

Was war die grösste Herausfordungen während dem Projekt?

Das waren definitiv die Verhältnisse am Matterhorn. Die Situation war für mich total unwirklich und es war wirklich schwer, den Gipfel zu erreichen. Dazu kommt sicher auch, dieses Projekt in einem nutzbaren Zeitraum mit einem solch grossen Team zu bewältigen. Dass auch alles funktioniert, dass es immer Spass macht, die Logisitik und dass das Ganze auch finanziell aufgeht. Auch was das Soziale angeht, war das im Team zu Beginn nicht klar, ob das wirklich reibungslos funktioniert. Aber das hat sich glücklicherweise zum Positiven entwickelt und wir hatten einen super Teamspirit. Jeder hat für jeden gesorgt. Das habe ich auch so erwartet und mir so erhofft.

Gab es einen kritischen Moment?

Ein sehr kritischer Moment war sicher am Matterhorn. Da war es sehr schwierig mit der Absicherung. Ebenfalls auch am unteren Teil vom Petit Dru in diesem Couloir ohne Eis. Das war in Bezug aufs Klettern und das Sichern sehr heikel. Das kann es beim Bergsteigen halt geben.

Vom Kritischen zum Schönen, welches war für dich die schönste Nordwand?

Ich würde sagen, einen wirklich guten Run hatten wir am Piz Badile. Da hatten wir beide sehr viel Energie und viele Einheimische aus dem Engadin haben vorbei geschaut. Auf der Hütte wurden wir so richtig verwöhnt mit Pizokel. Auch das Wetter war ein Traum und wir waren sehr zügig unterwegs. Das hat wirklich Spass gemacht. Ausserdem konnten wir zum Schluss mit dem Gleitschirm wieder runter fliegen.

In welcher Nordwand haben die besten Schnee- und Eisverhältnisse geherrscht?

Wir hatten an keiner Nordwand so richtig gute Eisverhältnisse. Das Ganze war deshalb auch sehr kräfteraubend. Die Eisverhältnisse waren okay am Grand Jorasses. Dort hatte es wenigstens Eis.

Bei einem solchen Projekt braucht es auch immer Verpflegung. Die Community wollte gerne wissen, was dein Lieblingssnack war?

Ou, das ist schwierig [lacht]. Irgendwann konnten wir das Meiste eigentlich nicht mehr sehen. Ich habe Glück mit meinen Food-Sponsoren, die Produkte sind wirklich gut. Auch Simon hatte seine Produkte dabei. Aber irgendwann kannst du auch diese Riegel nicht mehr sehen. Wir hatten auch oft klassisch Brot und Käse dabei. Das haben wir zum Schluss dann noch am liebsten gegessen. Es gab auch fast jeden Abend Pasta und irgendwann wurde auch das, auch wenn es mit viel Liebe gemacht wurde, sehr eintönig.

Der Whiteout war für Roger ein treuer Begleiter. 

Wie sieht eine Packliste für ein solches Projekt aus?

Wir haben vorgängig für jede Wand eine separate Packliste erstellt. So war es zum Beispiel von Anfang an klar, dass wir an der Grossen Zinne kein Eismaterial wie Steigeisen benötigten. Ausserdem hat man eine gewisse Erfahrung, wenn man die Route schon einmal geklettert ist. Wenn nicht, kann man das alles ganze einfach nachlesen. Wir hatten sicher das ganze Material doppelt dabei. Es können ja auch Dinge kaputt oder verloren gehen. Bevor wir jeweils gestartet sind, haben wir ein bis zwei Stunden minutiös gepackt und alles genau kontrolliert.

Wie findet man an der Wand den richtigen Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Sicherheit?

Das ist eine sehr gute Frage. Es ist vor allem Erfahrungssache. Wenn die Verhältnisse sehr gut sind und es viel Eis und Schnee hat, kann man das Seil zum Beispiel auch mal weglassen. Dann ist man schnell und rhythmisch unterwegs. Sobald das Eis schlecht ist oder ganz weg, musst du mit dem Sichern beginnen, dann machst du automatisch Seillängen und bist etwas langsamer. Das hängt aber wirklich mit der Erfahrung zusammen. Man versucht natürlich immer zügig unterwegs zu sein. Man kann zum Teil auch simultan klettern. Aber es ist aber manchmal auch kräftesparender, wenn man Vorstieg klettert, als wenn man sich simultan mehrere hundert Meter hinauf kämpft.

Noch eine Frage aus der Community: Welche Route seid ihr am Grand Jorasses geklettert?

Die Route heisst direktes Leichentuch.

Würdest du das Projekt North6 noch einmal machen, vielleicht auch in die andere Richtung?

Ja, eigentlich schon, warum nicht. Ich denke, man könnte noch sehr viel optimieren und auch jedes mal viel mitnehmen und lernen. Nicht jetzt in diesem Jahr, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass ich das noch einmal mache.

In Bezug auf das Lernen, gibt es etwas, das du für dich mitnimmst aus dieser Erfahrung?

Wenn man ein Projekt so lange plant, viele Menschen involviert sind, man trainiert und ein Budget hat, dann gibt es immer mehr Druck, als wenn man einfach so spontaner eine Tour angeht, bei der gerade die Verhältnisse gut sind. Wenn man etwas so lange minutiös plant, kommt es erfahrungsgemäss eigentlich immer sehr gut, auch wenn man vor dem Start fast überfordert ist mit der Situation. Wenn etwas gut geplant ist, kommt es fast immer im Gang. Man muss einfach die Ruhe und das Selbstvertrauen haben, dass es irgendwann funktioniert. Genau so etwas lernt man bei einem solch komplexen Projekt. 

Sitzt du schon auf Nadeln, also ist schon was neues geplant?

Ja, ich gehe diesen Winter nach Patagonien. Dort würde ich sehr gerne die Fitz-Roy-Traverse klettern. Das ist ein grosser Wunsch von mir. Da ist einfach in Bezug auf die Verhältnisse sehr schwierig. Im November und Dezember werde ich mit meiner Freundin noch in die Ferien fahren. Im nächsten Frühling möchte ich dann gerne im Himalaya klettern. Die Ideen gehen mir auf jeden Fall nicht aus.

>Eine Zusammenfassung des ganzen Projekts North6 findest du hier.